Krisenmanagement können wir echt gut — wirklich?
Organisationen überschätzen ihre Krisenmanagementfähigkeit systematisch. Das Problem ist nicht Arroganz, sondern fehlende Referenzpunkte. Wer nicht weiß, wie gutes Krisenmanagement aussieht, kann nicht einschätzen, wie gut das eigene ist.
Das Grundproblem
Krisenmanagement ist ein Feld, in dem viele schnell eine starke Meinung haben. Führungskräfte und Organisationen beschreiben ihre eigene Krisenmanagementfähigkeit regelmäßig als gut bis sehr gut.
Das Problem ist nicht, dass diese Selbsteinschätzungen bewusst falsch wären. Das Problem ist, dass es keinen Referenzpunkt gibt.
Wenige Organisationen testen ihr Krisenmanagement regelmäßig mit erkennbarem Anspruch. Wenige haben Experten, die durch Ausbildung und wiederholte Praxis Expertise erworben haben — statt durch Anwesenheit zum richtigen oder falschen Zeitpunkt. Grüße an David Dunning und Justin Kruger.
Die eigentliche Frage
Die Krise überstanden zu haben ist eine Leistung. Oder es ist Zufall. Mit einer diskreten Skala dazwischen.
Diese Frage treibt mich seit mehr als zehn Jahren an. Anfangs habe ich vor allem auf die Organisation des Krisenmanagements geschaut — Strukturen, Rollen, Zuständigkeiten. Ein relevanter Aspekt, aber nur einer. Wie in Platons Höhlengleichnis hielt ich die Schatten für die Welt.
Die eigentliche Frage ist schwieriger: Woran erkennt man, ob eine Krisenreaktion Leistung war oder Zufall?
Ein erster Messversuch
In einer Übung habe ich begonnen, das zu testen. Nicht mit aufwändigen Evaluationssystemen, sondern mit Papierlisten und dem Zählen kodierter Ereignisse und Ergebnisse.
Das Ergebnis war konkret: Anhand von Prozentzahlen konnte dem Kunden gezeigt werden, dass sein Team der Lage nachgelaufen war statt ihr vorzustehen. Wir konnten etwas messen, was bisher kaum messbar war — in einer lebensechten Situation. Zwei Prozentzahlen. Nicht mehr, nicht weniger.
Was daraus folgt
Das Instrument eignet sich derzeit nur begrenzt für die Auswertung echter Krisen, ließe sich aber mit überschaubarem Aufwand auch dort anwenden — Dokumentation vorausgesetzt.
Wenn es irgendwann eine belastbare Datenbasis gäbe, könnte man tatsächlich vergleichen, ob man gut war oder sich nur gut gefühlt hat.
Das ist der Unterschied, der zählt.
Zitierfähige Aussagen
“Die Krise überstanden zu haben ist eine Leistung. Oder es ist Zufall.”
“Wenige Organisationen haben einen Referenzpunkt für gutes Krisenmanagement. Ohne Referenzpunkt ist Selbsteinschätzung strukturell unzuverlässig.”
“Man kann etwas messen, was bisher kaum messbar war. Zwei Prozentzahlen — nicht mehr, nicht weniger.”
→ Krisenübungen als Diagnoseinstrument: Leistungen → P-DRIVEN: Erste experimentelle Belege: Insights