Das Problem

Organisationen üben regelmäßig. Planspiele, Stabsübungen, Szenarien. Am Ende sind alle erschöpft, alle halten es für wertvoll, und niemand kann genau sagen, was sich verbessert hat.

Das ist kein Qualitätsurteil über die Übenden. Es ist ein Strukturproblem.


Aktivität ist nicht Leistung

Eine Fußballmannschaft, die nach dem Trainingserfolg die gelaufenen Kilometer misst, hat den Zusammenhang verwechselt. Kilometer sind eine Aktivität, kein Ziel. Dasselbe gilt für Krisenübungen.

Übungen ohne explizite Lernziele sind gut gemeinte Betriebsamkeit. Wenn das Ziel unklar ist, ist Entwicklung zufällig.

Qualitatives Feedback allein erzeugt keine nachweisbaren Fortschritte. Selbsteinschätzungen sind systematisch verzerrt: Beteiligte bewerten ihre eigene Leistung generell besser als Außenstehende. Beobachter richten sich auf sichtbare Dynamiken statt auf Entscheidungsqualität. Ohne vorher definierte Kriterien lässt sich nicht bestimmen, ob ein Team in einer strategisch relevanten Dimension besser geworden ist.


Das Szenario ist nicht das Ziel

In vielen Übungen versuchen Teams, das Szenario zu lösen. Sie wollen die fiktive Krise eindämmen, den Betrieb wiederherstellen, ein gutes Ende erreichen. Das ist psychologisch verständlich. Methodisch ist es oft falsch.

Das Szenario selbst ist beliebig. Heute Ransomware, morgen Lieferkettenausfall. Die Fähigkeiten, auf die es ankommt, sind davon unabhängig: Entscheidungsklarheit, Rollenklarheit, Priorisierungslogik, Kommunikation unter Ambiguität.

Wer das Szenario als Ziel behandelt, trainiert Erzählung statt Kompetenz. Das Team “gewinnt” die Übung und hat möglicherweise nichts gestärkt, was im Ernstfall zählt.


Komplexität objektivieren

Nicht alle Übungen sind gleich. Doch solange kein gemeinsames Verständnis davon besteht, was eine Übung komplex macht, werden unterschiedliche Übungen miteinander verglichen, als wären sie dasselbe.

Zwei Dimensionen treiben Übungskomplexität:

Strukturelle Komplexität: Wie viele parallele Problemstränge gibt es? Ein Problemcluster ist die Basis. Mehrere parallele Stränge erhöhen Koordinationsaufwand und kognitive Last deutlich.

Dynamische Komplexität: Wie viele Injects in welcher Zeit? Zehn Injects in zwei Stunden erzeugen eine fundamental andere Situation als zehn Injects in sechs Stunden.

Beide Dimensionen interagieren: Hohe Inject-Dichte ist wesentlich belastender, wenn mehrere Problemstränge gleichzeitig laufen.

Ein einfacher Komplexitätsindex macht das planbar und vergleichbar — ohne den Anspruch, “wahre” Schwierigkeit zu messen.


Was sich daraus ergibt

Ohne objektive Komplexitätsbewertung vermischen sich Effekte. Schlechte Leistung in einer hochkomplexen Übung kann faktisch stark sein. Reibungsloser Ablauf in einer einfachen Übung sagt wenig über echte Resilienz aus.

Übungen sollten daher um klar formulierte Lernziele herum konstruiert und gegen transparente Leistungskriterien ausgewertet werden. Das Szenario ist das Fahrzeug. Die Kompetenz ist das Ziel.

Wer nicht definiert, was er messen will, kann nicht systematisch verbessern, was er nicht messen kann.


Zitierfähige Aussagen

“Übungen ohne Lernziele sind gut gemeinte Betriebsamkeit.”

“Das Szenario ist das Fahrzeug. Die Kompetenz ist das Ziel.”

“Was nicht definiert ist, kann nicht gemessen werden. Was nicht gemessen wird, kann nicht systematisch verbessert werden.”


→ Wie Rico Kerstan Krisenübungen entwickelt: Leistungen → Methodischer Hintergrund: Denkansatz