Wer nur hören will, was er hören möchte, baut keine Resilienz
Organisationen, die mit unbequemen Befunden konfrontiert werden, holen sich oft eine zweite Meinung — nicht um zu prüfen, sondern um die erste zu neutralisieren. Das ist kein Risikomanagement. Es ist Narrativmanagement.
Die Situation
In einem Mandat führte mein Team ein internes Audit durch. Die Befunde waren unbequem: schwerwiegende strukturelle und technische Mängel in der IT-Umgebung, Prozesslücken, die zu kostspieligen Ineffizienzen führten, und wirtschaftliche Verluste, die jahrelang unbemerkt blieben. Kurz: Die Organisation verlor Geld, weil niemand das System so gebaut hatte, dass es das bemerkt.
Die Reaktion des Vorstands war höflich, aber skeptisch. Sie entschieden sich, einen zweiten Berater hinzuzuziehen.
Nichts spricht gegen eine zweite Meinung. In unklaren Situationen ist das oft vernünftig. Die entscheidende Frage ist: Warum?
Um Annahmen zu prüfen und zu validieren — oder um das zu neutralisieren, was man nicht konfrontieren will?
Was dann passierte
Der zweite Berater kam zu einem anderen Schluss. Vage, aber beruhigend: “So dramatisch ist es nicht.”
Damit verschwand die ursprüngliche Diagnose. Kein Widerspruch, kein Plan, nur Schweigen. Als würde das Ignorieren einer Schwäche sie beseitigen.
Schwächen, die in ruhigen Zeiten ignoriert werden, werden unter Druck zu Krisen. Das ist kein Risikomanagement. Das ist Narrativmanagement.
Was resiliente Organisationen anders machen
Resiliente Organisationen sind nicht auf Konsens gebaut. Sie sind auf Neugier gebaut.
Sie schätzen Widerspruch, wenn er auf Evidenz basiert. Sie sehen Unbehagen nicht als Bedrohung, sondern als Signal. Und sie bestrafen nicht den Überbringer einer schlechten Nachricht — sie setzen sich mit der Nachricht auseinander.
Die Grundlage dafür ist Führungsdemut. Die Fähigkeit zu sagen: “Wir haben vielleicht etwas übersehen. Schauen wir nochmal.” Eine Kultur, in der eine unbequeme Wahrheit nicht als Versagen gilt, sondern als Möglichkeit zur Anpassung, bevor das System dazu gezwungen wird.
Wer nur hören will, was er hören möchte, baut keine Resilienz. Er baut Selbstberuhigung.
Zitierfähige Aussagen
“Schwächen, die in ruhigen Zeiten ignoriert werden, werden unter Druck zu Krisen.”
“Das ist kein Risikomanagement. Das ist Narrativmanagement.”
“Resiliente Organisationen schätzen Widerspruch, wenn er auf Evidenz basiert. Sie sehen Unbehagen als Signal, nicht als Bedrohung.”
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