In dem heutigen Beitrag von KRISENSICHER – Dem Blog rund um Organisationale Resilienz in der Polykrise geht es um den Begriff der Polykrise.

Um es gleich vorwegzunehmen: Krisen gab es schon immer. Sie sind nichts Neues. Und auch Krisenmanagement ist nichts Neues. Auch das gab es schon immer. Das betrifft sowohl die gesellschaftliche als auch die organisationale Ebene.

Und es gab auch schon immer Mehrfachkrisen, die dann in einer großen und fundamentalen Krise endeten. Als mit der Französischen Revolution und dann mit Napoleon das staatliche und auch gesellschaftliche System in Preußen an allen Ecken und Kanten zusammenbrach, wurde die Aneinanderreihung der dadurch verursachten Einzelkrisen von vielen Zeitgenossen als eine große fundamentale Krise wahrgenommen. Mehr noch: als eine besonders krisenbehaftete Epoche der Geschichte.

Die damals Verantwortlichen handelten deshalb aus einem Krisenmodus heraus, wie wir es heute formulieren würden. Die uns als Preußische Reformen bekannten staatlichen und gesellschaftlichen Transformationen in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren das Ergebnis eines knallharten staatlichem Krisenmanagements. Eines sehr erfolgreichen Krisenmanagements übrigens, wie ich persönlich finde.

Wir leben in einer neuen Krisenepoche

Auch heute leben wir wieder in solch einer besonders krisenbehafteten Epoche der Geschichte, in der eine Einzelkrise neben vielen anderen herläuft: der Ukraine-Krieg, der Gaza-Konflikt, der Streit um Taiwan und um neue Großmachtskonstellationen, die Energieproblematik, die jeder Bürger und jedes Unternehmen spürt, die Klimakrise, die Herausforderungen für die Demokratie durch Fundamentalismus und Extremismus … Die Zahl der gleichzeitig auftretenden Krisen ist Legion.

Wir befinden uns mitten in einer neuen Krisenepoche. Auch wenn manche der altgedienten Kollegen der deutschsprachigen Krisenmanagementszene das aus ihren sorgsam geführten Statistiken nicht herauslesen wollen. Die Zahl der Krisenfälle in den deutschsprachigen Ländern sei, so ihre Zählung, in den vergangenen 40 Jahren ziemlich konstant geblieben.

Das mag in ihrer Wahrnehmung sogar stimmen. Denn: Noch zu oft wird ein Ereignis nur als Krise gesehen, wenn viele Menschen getötet oder verletzt werden. Solange kein Blut in Massen fließt, wird das Ereignis von vielen erst gar nicht als Krise wahrgenommen. Hart, aber leider nur allzu wahr. Von diesem Body Count-Verständnis von Krisen sollten wir uns allerdings schnell lösen. Wir müssen Krisen und damit auch Krisenmanagement neu denken. Sonst werden wir der Lage nicht Herr.

Wirtschafshistoriker prägte Begriff Polykrise

Wir leben also wieder in einer dieser krisenbehafteten Epochen der Weltgeschichte. Ich gehe sogar noch weiter, denn ich zögere nicht, unsere Zeit als eine besondere Krisenära zu sehen und dafür auch einen besonderen Namen zu verwenden: die Polykrise.

Wir Macher dieses Blogs sind uns einig: Wir leben in der Zeit der Polykrise. Deshalb haben wir den Begriff in den Untertitel unseres heute startenden Blogs KRISENSICHER bewusst integriert: Der Blog rund um Organisationale Resilienz in der Polykrise.

Der Begriff Polykrise kommt nicht von uns. Den Begriff hat der an der Columbia University in New York lehrende Wirtschaftshistoriker Adam Tooze geprägt. Wir benutzen ihn, weil er unserer Auffassung nach einen guten Rahmen dafür bietet, zu erkennen, was das Besondere an der heutigen Krisenzeit ist.

 

Multiple Krisen beeinflussen sich gegenseitig

Adam Tooze meint mit Polykrise eine Situation von mehreren Krisen gleichzeitig, die das Geschehen bestimmen. Eine Krise folgt dabei nicht nur auf eine andere. Oft laufen sie parallel ab. Doch Adam Tooze geht mit dem Begriff der Polykrise noch weiter. Die multiplen Krisen beeinflussen sich auch gegenseitig.

Mit anderen Worten: Eine Polykrise ist nicht als die Summe einzelner Krisen zu verstehen und die einzelnen Krisen existieren nicht einfach nebeneinander. Sie verstärken sich gegenseitig, sie beeinflussen sich, fließen ineinander über, was wiederum zu ganz neuen Krisenphänomen und einer großen Krise führt, die wiederum ein ganz anderes Krisenmanagement erfordert.

Ziel unseres Blogs KRISENSICHER ist es, Organisationale Resilienz, Krisenmanagement und Krisenkommunikation angesichts dieser neuen Krisenphänomene auch intellektuell neu zu durchdenken. Wir wollen ein neues Verständnis von Krisen, von Krisenmanagement und von Krisenkommunikation entwickeln.

 

Krisenmanagement muss weiterentwickelt werden

Die Idee der Polykrise bildet für uns den Hintergrund für dieses Nachdenken und auch für unsere Bemühungen, unsere Profession als Krisenmanager und Krisenkommunikatoren weiterzuentwickeln. Das heißt: Wir müssen ganz konkret und auch pragmatisch darüber nachdenken, wie wir auf die Herausforderungen der Polykrise reagieren können.

Noch zu oft hat unsere Profession ein zu statisches Verständnis von Krisen. Doch das sind sie nicht. Krisen im Zeitalter der Polykrise sind dynamisch. Unser Denken im Krisenmanagement muss viel facettenreicher werden. Body Count-Krisen waren gestern. Die Gegenwart und die Zukunft sind Polykrise-Krisen. Wir müssen uns deshalb mit ganz neuen Formen von Krisen beschäftigen.

Das wollen wir in diesem Blog fortan tun. Er ist nicht nur für Spezialisten für Krisenmanagement und Krisenkommunikation gedacht. Unsere Zielgruppe sind auch Unternehmer, Geschäftsführer, Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung, die mit uns ein neues Verständnis von Krise entwickeln wollen. Menschen, die ein Interesse daran haben, wie sie ihre Unternehmen und Organisationen in der Polykrise krisensicher machen können. Daher auch der Titel unseres Blogs: KRISENSICHER.

 

Christian F. Hirsch ist Chief of Staff der KR Krisensicher Risikoberatung GmbH. Im Blog KRISENSICHER schreibt er unter anderem über Krisenkommunikation, Kommunikative Resilienz, Akzeptanzkommunikation oder die Social License to Operate.

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